Die Lyrikerin

Ines Hagemeyer im Portrait


neu







Wir stellen Ines Hagemeyer in unsere art-gallery-homepage. Der Schriftsteller Ulrich Bergmann schreibt: „Ihre Gedichte kreisen um Flucht, Trennung, Verlust, Wiederfinden und Selbstsuche, Heimat und Verwurzelung in geschichtlichen Dimensionen. Die zarten, oft nur sanft anspielenden Bilder erschließen sich dem Leser, wenn er so genau liest, wie die Gedichte geschrieben sind.“


Der Romanist und Gründer des „Dichtungsring - Zeitschrift für Literatur“

K. Alfons Knauth schreibt: „ Bald kamen neue Dichtungsringer hinzu, ... aus

Bonn die – aus meiner Sicht bedeutendsten –  Dichterinnen eje winter, Barbara Musial und Ines Hagemeyer.“


Wir bringen die „Bilder“ von Ines Hagemeyer zu Gehör: Sie liest aus ihrem Gedichtband „Bewohnte Stille“ die ersten 21 Gedichte, darunter auch spanische Texte. Ihre jahrelangen Aufenthalte in spanischsprachigen Ländern Südamerikas und in Spanien, ihre intensive Tätigkeiten als Sprachlehrerin und Übersetzerin haben es mit sich gebracht, dass sie in der deutschen und in der spanischen Sprache ihre poetische Heimat gefunden hat.  Sprache ist für sie Heimat.

 
 

Ines Hagemeyer,

geb. in Berlin 1938, im gleichen Jahr Emigration nach Montevideo (Uruguay). Erste Rückkehr 1963-1965 (München). Zweite Rückkehr und Heirat 1969 (Bonn). Zwei Kinder. Vier Enkelkinder. Weitere Stationen: Quito, Buenos Aires, Madrid. Seit 1990 ständig in Bonn.  Fremdsprachenlehrerin, u.a. Deutsch als Fremdsprache. Theater- und Rundfunkerfahrung. Übersetzertätigkeit. Hauptsächlich aber Lyrikerin. Seit seiner Gründung (1981) dem „Dichtungsring - Zeitschrift für Literatur“ mit Veröffentlichungen (Lyrik) eng verbunden. Redaktionsmitglied, Mitherausgeberin


„Zwischenmensch“, (zusammen mit Ulrich Bergmann, eje winter, Gerd Willeé)  Nr. 34, 2006;


„Körper“ (zusammen mit Gerd Willeé), Nr. 36, 2008;


„Unrast“ (zusammen mit eje winter), Nr. 39, 2010;


„Globoglossolalie“ (zusammen mit Ulrich Bergmann), Nr. 45, 2015,


Veröffentlichungen:

  1.    Bewohnte Stille, Gedichte, mit einem

       Nachwort von Alfons Knauth und Tusche-

       Zeichnungen von PAPI, POP-Verlag,

       Ludwigsburg, 2007


  1.    aus dem Gefährt das dir Träume auflädt,

        Gedichte & 14 Tusche-Zeichnungen von

        PAPI, POP-Verlag, Ludwigsburg, 2011
























60 Gedichte aus „Bewohnte Stille“ liegen als unveröffentlichtes Hörbuch vor, aufgenommen am 21. Juni 2009 in Bonn. Die hier eingespielte Wiedergabe der 21 Gedichte dauert etwa 13 Minuten. Für Windows-PC evtl. zuvor QuickTime Player installieren (kostenloser download). 

Hier die Texte zum Mitlesen:


tierisch

auf utopischem Streifen
zwischen Nachbar und mir
streunen nachts Katzen
tags kommt nur die Elster
der Hund liegt da begraben


ein

vertrautes Fremdes
das Selbstgespräch
als wir / du und ich
Verdunkelung probten
(geübter Griff)
blitzten verglühend Sterne auf
(vor ihrem Untergang)
zu Gebilden geworden
verwarfen wir sie 
um uns erneut
den Angriffen
zu stellen


Kind -

aus der Erinnerung
werden wir dir viel erzählen
aber später
an den langen Winterabenden
wenn die Fotografien
aus den Alben fallen
vergilbte Briefe lesen
aber später
aus der Erinnerung



Kinderstube

möchte wieder seltne Raupen sammeln
dem Schmetterling im Flug
auf meiner Pinnwand
Regenbogen maln
mich hinter
Nichtvorhandenem
stumm verstecken
mit einem zugeklappten
Chinafächer
zieln



Trouvaille

an irgendeinem Mittwoch
auf der Studentenbude
zu Unrecht in Verdacht
nichts geschah und alles
wurde geflüstert auch
am Tage wußte so recht
niemand warum



im Café

sin pretensiones
drangenippt
cójela     Pause
auf eisernem Fuß
blechern marmorn
cuenta la tiniebla
bricht auf dem Stein

un dos vuelta a empezar
sich Gefangenes entlädt
mientras respires
se haga verso



Seele vertreten

Fußgängerzone
Mythenverschnitt
Kippen & Kaffee
Disco/Rock/Urlaub
Bildschirmzinnober
mit Puppe am Strand
flach auf dem Rücken
zwinkert die Schlange
fängt Newton den Apfel
bevor es zu spät ist
Kiloher(t)zschlappe



Auslöser

der traurige Blick 
die geballte Faust
das süße Lächeln
mit Markenpulli
missvergnügt? i wo!
nur nicht verlegen
bitterechtfreundlich
halt! keine Bewegung
sonst verwackelt 
das Erinnerungsbild



Korrespondenz                                    correspondencia


eines Tages                                        algún día
werd  ich dir                                        te dejaré 
einen Brief widmen                             una carta
der Umschlag zerknittert                    en un sobre arrugado
vom vielen Hantieren                         de tanto manosear
die Schrift zittrig                                  temblorosa la letra
wegen der Analyse                             por el análisis
man wird sagen                                  dirán
einer von vielen                                  una de tantas
er wird erzählen                                 relatando
eine Geschichte                                 una historia            
einzig schön                                       única bella
und mit einem Lächeln                       y con una sonrisa                  
schelmisch zart                                  de malicia tenuie
unfähig zu erklären                            incapaz de explicar
werd ich ihn                                       la echaré para tí
für dich aufheben                              
                                                                                                                     



Déjà vu

kaum verändert die Zweige
verhalten die Sonne
alles wie üblich
an einem Sommerabend
zurückgelassne Stummel
abgestandne Getränke
und Liebende
die sich vor einer Weile
noch etwas zu sagen hatten



schau

zwischen uns
schmiegt sich ein Blatt
das wir über Jahre füllten
aufgefordert
es endlich zu entziffern
verweigern wir die Auskunft
es könnte ja 
auch Kostbares preisgeben



Juni

Ellenbogen stumpfen ab
bäuchlings fass man
Gedanken aus der Sonne
bringen LIbellen
silbrige Grüße
ein dunkler Käfer
stecknadelgroß
durchquert das Blatt-
wüsste er nur
Versende Stopp
Fall ins Gras
vielleicht hat er recht
unter den Halmen kühl
beschwört er rücklings
den Sommer



flussabwärts

im Einbaum
am Ufer entlang
durch das Dickicht
lehmiger Gruß
fast still
an allem vorbei
hob sich das Grün
vom Grund ab
und schrieb Blumen
auf das düstere Wasser
das Unheimliches barg
ohne wirklich zu schaun
den Anbruch verklärt
den Morgenduft
die Schreie
als der Urwald noch sprach
war es kühl
während der Abend
Wunsch blieb
wurde irgendwo
in der Mittagsglut
synchron gestochert



Nomade

abgegrenzter Erdfleck
umklammert in Weiß
auf schwarzem Pfeiler
schützt dich das Dach
vor den Unbilden des Wetters
bald gehst du auf saftigem Grün
setzt Baum und Strauch
schattenverträglich
frostunempfindlich
nur keine Kastanie
bis die Marone trägt
bist du fort



Cala d‘Or                                                            Cala d‘Or

II                                                                            II

ziehe auf meine Insel -                                        ven a mi isla                                    
die schwarze Felsbucht                                       la bahía de roca negra
wo der Meeresspiegel                                         donde el espejo marino
die Sinne blendet                                                 ciega los sentidos
birgt sich ein Rauschen                                       donde se esconde un murmullo
bis der Wellenkamm aufsetzt -                            hasta posarse la cresta -
mich an Land spült                                              deslizándome a tierra

I                                                                            I

spüre den Sand -                                                siente al arena -
auf die smaragdene Burg                                   sobre el castillo esmeralda
legt sich dein Aug                                               resposa tu mirada
auf der Lippe das Salz                                        de tus labios la sal
stiehlt dir der Wind -                                            te hurta el viento -
wenn es zum Abschied kommt                           cuando llega la despedida




am Strand

wenn starke Windböen
über dem Meer
Wellenkämme zu Gischt
zerstäuben
schreien die Möwen
lässt sich der Albatros
hoch auf dem Felsen nieder
wird es still
vor dem Sturm



spanischer Herbst

graurot ziehen
schwere Wolken
es wir finster
ein Augenschweif
und alles
lauscht dem Wind
ein letztes
Rosa tönt
das Taubenblau
am Himmel
und alles
sieht so alt aus
und so neu




den lille Havfru (kein Märchen)

als ich aus dem Meer stieg
wurde meine Liebe nicht erwidert
und ich musste eure Welt verlassen
ein Künstler ließ mich
in Bronze auferstehen
da saß ich nun   jahrzehntelang
bis mir einer den Kopf absägte
Ihr ward empört
und ich bekam rasch
meinen Kopf wieder
seitdem konnte ich ungestört
vom Felsen Ausschau halten
mal in die Tiefe
mal graziös posieren

doch seit einiger Zeit
eilen unablässig Tränen
und suchen mich in der Tiefe




Findel

ausgesetzt -

dem Boden entzogen
zeichnest du Konturen
zunächst in der Luft
als Bestimmung deine Seins
auf einer Fläche
die das Gleichgewicht sucht
endlich die Nähe
um Geheimnisse zu lüften
wenn auch nur 
auf dem Papier



canción para guitarra

lo que dice la poesía
cuando calla
cuando abruma la tiniebla
o encandila el resplandor

asoma en el horizonte
cae por la tarde
y muere
para volver a nacer

lo que dice la poesía
cuando calla
carece de voz pero habla
terciopelo y color

lo que dice la poesía
cuando calla
cultivando el silencio
sin llegar a enmudecer


                                                                        -------------




Rezensionen, Besprechungen

Aus dem Nachwort von Prof. Dr. K. Alfons Knauth (em.) zum Gedichtband „Bewohnte Stille“: 

„Das Leitmotiv des Gedichtbandes ist die Dissonanz von Schreiben und Schweigen, von Stille und Stimme. Sie gründet im Bruch zwischen Leben und Geschichte. ... Ein zuhörendes und ein sprechendes, ein lesendes und ein schreibendes, ein zusammengehörendes Ich und Du begegnen sich in der Stille des Buchs, das den Bruch der Geschichte zu verarbeiten sucht. Die Dichterin inszeniert auf der ozeanischen Bühne des Lebens und der Geschichte ihre eigene Lebensgeschichte als Sprachgeschichte. In dem wogenden Sprachentheater setzt sie abwechselnd die Masken des Deutschen und des Spanischen auf. ... Es entfaltet sich auf der inneren Bühne des Ichs, heißt aber auch den Leser als Mitbewohner der Stille des Buches willkommen: 

,esperando que alguno
se ponga a escuchar‘
,in Erwartung von jemand,
der hinhört‘ “
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Die Schriftstellerin eje winter schreibt im Nachwort zum Gedichtband „aus dem Gefährt das die Träume auflädt“:

„ines hagemeyer setzt in über 50 gedichten eine welt, die uns in die langsamkeit führt, so dass wir wieder ruhig zu atmen beginnen und mit gesteigerter aufmerksamkeit das wundersame und das traurige dieser welt zu erkennen vermögen. ...

alle gefühle, die die welt für uns aufbietet, lernen wir zu ertragen, weil das gedicht uns verzaubert. wir lesen es nicht zum zeitvertreib, sondern während wir es lesen, ist die zeit aufgehoben. die zeit steht still, so dass es uns möglich wird, mit dem gedanken an die vergänglichkeit zu experimentieren.

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Der Schriftsteller Ulrich Bergmann schreibt 2011 im Internet-Verlag „keinVerlag.de“ und unter www.fixpoetry.com über den gleichen Gedichtband:

„Es gibt Welten in uns und außer uns. Außer uns meine ich mehrdeutig: Es gibt Welten, die sind über uns und sie sind uns über, wenn sie außer sich sind. Und es gibt in uns Welten, die haben es in sich, wenn die Welt außer uns hineingreift in unsere Innenwelt. Dann verletzt sie uns und wir verletzen uns selbst, wenn wir uns wehren gegen die Außenwelt, die uns Angst macht. Dann verlieren wir im schlimmsten Fall unsere Heimat – außen und innen. Von diesen Verwundungen, Schmerzen, von der höllischen Dialektik von Angst und Hoffnung, Verlust und Gewinn, Verlorenheit und Rettung handeln manche Gedichte dieses wahrhaft schönen Buchs. Die Anspielungen auf erlittene Geschichte, die Folgen der Flucht aus Deutschland, das Leben in der Emigration, die Rückkehr nach Deutschland und das Abklingen und Wiederaufflammen der Ängste und still brennenden Wunden sind sublim – sie zeigen sich dem Wissenden und Ahnenden etwa in dem letzten der 64 Gedichte, das nach der Lektüre von Victor Klemperers Tagebüchern entstand, oder in dem Paul Celan zugeeigneten Gedicht „Inhärenz“, wo Spuren den Weg weisen, wenn von der „Fuge in Blau“ die Rede ist. 

Aber die Vergangenheit ist nicht das einzige Thema, so mächtig es für uns alle wirkt, wenn wir älter werden und unsere Wunden, die bitteren und die süßen, reflektieren, deuten und zu verstehen suchen. Die einzige Heimat, die wir wirklich haben, sind wir selbst, in unserer Sprache und mit dem Sprechen und Schreiben in unserer Sprache. Es gibt auch Ruhezeiten in unseren Innen- und Außenwelten, dann fühlen wir Übereinstimmung und Einssein von innen und außen, vor allem in der Liebe, sie ist auch ein Gefährt, das uns Träume auflädt, manchmal sogar ein Gefährte im Leben, der uns Kraft gibt und lange bleibt und über den anderen Welten leben lässt. 

Allerdings sind Träume wie alle unsere Welten mehrdeutig, sie geben uns Hoffnung, sie täuschen aber auch, sie trösten, sie helfen uns, uns selbst zu verstehen, wenn wir bei der mehrdeutigen Wahrheit bleiben. Denn unsere Träume sind Gedichte, die wahr sind, die schmerzen und heilen, immer beides in einem. Von dieser Vielfalt der Schönheit, die vom Himmel bis zur Wunde reicht, vom Höhenflug bis zu den Schatten, spricht die Genauigkeit der Widersprüche, der Freude und der Skepsis im Gedicht „hautnah“: 

... Überschlag zur Täuschung / jauchzende Höhenflüge / Sturz in Bedrängnis / kaum greifbar /... / : die Zeichen / deines KÖRPERS. 

Nichts ist sicher. Die Dichterin jagt nach Träumen – und die Träume jagen sie, das ist die Dialektik der Dichtung und des Lebens. So steht es im Gedicht „Traumjagd“:

aus dem Gefährt / das dir Träume auflädt / rollt die Metapher / ... / du sitzt am Steuer / ordnest an Ampeln / dein Schmierpapier / dann bläst ein Wind / der sie verweht / ... 

Die Metapher ist der Wein, der Rausch, der Liebeswahn, den Hofmannsthal im liebenden Paar verkörpert, in der Umarmung der sich gegenseitig alles Gebenden, wie These und Antithese gehören sie zusammen, um sich selbst zu transzendieren. Kaum kannst du deine Träume festhalten, kaum verstehst du, was du träumst, du schreibst es auf in Versen, damit du mehr verstehst, doch bleibt dir nur eine Sprachspur, eine Fuge in Blau, während deine Reise schon weitergeht, du sitzt am Steuer deines Ichs und fährst dein Leben, aber du träumst nur, Lenker zu sein. Als Dichter stehst du über den Welten. Du denkst, du lenkst dich wenigstens auf deinen Innenwegen oder in Zwischenwelten:

Intermundien

auf der fließenden Grenze
zwischen Zweifel und Hoffnung
möcht ich mein Haus baun
an den Ufern zur Linken
steht vermodernd ein Torso
und zur Rechten nur Brandung

Dein Leben ist ein Grattanz. Zwischen These und Antithese läufst du auf des Messers Schneide, in Todesgefahr ist dein Gefährt, in Lebensgefahr dein Gefährte: deine Heimat, deine Sprache, dein Einssein mit dir selbst. 

Es sind große Gedichte, die das Schwerste so scheinbar leicht aussagen: Wie ungewiss und flüchtig die Liebe ist, wie unsicher jede Heimat, unsere Träume, auch unsere Gedichte, und dass wir nichts anderes haben als dies: Trotzdem zu leben. Denn wenn unsere Trauer mitten im Leben gelingt, wenn wir die Unsicherheit unserer Träume durchschauen, gewinnen wir vielleicht mehr, als unser philosophischer Zweifel uns rät – uns selbst.

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DAS STEINIGE FELD ZUM BLÜHEN BRINGEN
Zu den Gedichten von Ines Hagemeyer
von Heinz G. Hahs, in: Krautgarten, Forum für junge Literatur, Nr. 59, November 2011, S. 63 

Siebzig Seiten netto – für einen Gedichtband ist das ein dem Leser zuträgliches Maß. Auch sind die Gedichte selbst von leserfreundlichem Umfang, keines beansprucht mehr als eine Seite. Die einzelnen Zeilen ihrerseits lassen sich mit einem einzigen Augenruck erfassen. Ausgewogen ist schließlich auch das Mengenverhältnis zwischen den Texten und den Federzeichnungen von PAPI. Diese sind nicht lediglich Zutat, sondern
beanspruchen einen angemessenen Eigenraum. Die Verse sind syntaktisch ab- gedeckt, sie lassen sich als Bogen empfinden; das Vers-Ende ist weder beliebig gesetzt, noch hat es den Charakter von Brüchen, welche eine Satzspannung erzeugen sollen. Ines Hagemeyer zeigt auch hier Sorgfalt und ein gutes Gespür. Ebenso  wenig wird die Klanggestalt dem Zufall überlassen. Ein Versmaß ist nicht auszumachen, was nicht heißt, dass der Vers keine innere Form besäße. Im Gegenteil – die Autorin wird mir hoffentlich zu- stimmen: fast durchgehend lässt sich als inneres Gestaltungsprinzip eine Zweigipfligkeit hören, jenseits allen alternierend-mechanischen Geklappers. Wo durch den Prosaduktus des Textes sich eine metrische Falle auftut, schafft die Autorin Abhilfe, indem sie ohne Scheu vor Umgangssprachlichkeit Vokale wegstreicht: „Aug“, „drohn“, sogar „’s war“. Auf diese Weise gruppiert sich um die beiden Versgipfel herum das übrige Silbenmaterial bei wechselndem Umfang im Betonungsgefälle. Es bricht auch schon mal die letzte Zeile einer Strophe oder eines Gedichtes ab: Mit der Zeile bleibt auch der Gedanke oder der Satz unvollendet.

Insgesamt jedoch entsteht ein schwebender, ein schwingender, hin und her strömend wiegender Klang, als höre man von weither ein hallendes Glockenläuten. Wiederum legt Ines Hagemeyer Zeugnis von differenziertem Gestaltungsvermögen ab.

Zu reden ist von dem lyrischen Ich, wie es die Autorin leitmotivisch fast aufdrängt, und zwar in der „du“-Form (mit den entsprechenden Ableitungen). Das Ich wird angeredet als Partner, sozusagen als die zweite Person des Selbstgespräches: das lyrische Ich nimmt sich im Spiegel wahr. Es entzieht sich einer direkten, als akut zu verstehenden Bedrohung und Verletzbarkeit und versetzt sich in den schützenden Raum des Erinnerns. Und wo, was selten geschieht, die „ich“-Form erscheint, gibt sich das Ich unverstellt und ungeschützt, also direkt zu verstehen. Wie anders als im Schutzraum des Erinnerns lässt sich über das Vergehen und das Vergehende, wie über das Ausgeliefertsein und die Vergeblichkeit poetisch reden? Und genau diese Dinge sind das Generalthema von Ines Hagemeyer.

Als Pendant zu der spezifischen „du“-Funktion lässt sich die – wiederum fast durchgängige – Verwendung des Präsens als Zeitform begreifen. Das Präsens ist hier nicht das Tempus des gegenwärtigen, einmaligen Vorganges (hier und jetzt), sondern das Tempus für die Wiedergabe von Zuständen (allezeit und überall) und der Stetigkeit des sich ständig Wiederholenden. Die letztliche Unmöglichkeit zu dauern und so zu bleiben, was und wie man ist, wird fassbar in einem Spannungsraum, den das Gedicht schafft. All das hat Ines Hagemeyer nicht erfunden. Der spezifische Gebrauch des Präsens ist ein gern getragener Hut. Ebenso wenig kann sie sich als Urheberin des mächtig schwingenden Verses bezeichnen. (Ganz zu schweigen von der Reimlosigkeit ihrer Gedichte). Man sieht: Ich weigere mich, eine obsolete neo-poetologische Debatte zu führen.
Also denn zu den Worten, zu den Sachen der Dichtung. Nur selten bedient sich die Autorin „soziologischer“ Vokabeln; das Wortfeld deckt – wiederum fast durchgehend – den Naturbereich von Meer und Küste ab: Begriffe wie Meer, Strömung, Welle, Brandung, Muschel, Kies, Sand, Schaum tauchen immer wieder auf. Freilich weisen solche Kernbegriffe über ihre Grundbedeutung hinaus und bilden die Mitte von Bildern. Besondere metaphorische Kraft eignet wohl dem Kiesel und der Muschel. Ihre Deutung als Symbolisierung der Verschränktheit von Dauer und Vergehen, von Bewahrung und Vernichtung, von Härte und Zerbrechlichkeit liegt auf der Hand. Weder das Thema noch der Fundus ihrer Bilder sind von der Autorin urheberrechtlich festzumachen. Siehe oben. Ines Hagemeyer will ihre Gedichte im Sinne der Kommunikation verstanden wissen.

Zum Schluss sei auf eine besondere Eigenheit des Text-Ensembles hingewiesen, nämlich dass die Autorin das eine oder andere ihrer Gedichte mit spanischen Elementen oder Parallelen versetzt oder abstützt, den spanischen Sound inbegriffen. Ein Gedicht zeigt sich gar völlig in Spanisch. Nun gelten Anleihen bei Fremdsprachen gewöhnlich als entbehrliche, als überflüssige Schnipsel; als geschmäcklerisches Beiwerk, als eitle Pose. Davon kann bei Ines Hagemeyer nicht die Rede sein: Jahrelange Aufenthalte in spanischsprachigen Ländern Südamerikas und in Spanien und intensive Tätigkeiten als Sprachlehrerin und Übersetzerin haben es mit sich gebracht, dass sie in der spanischen Sprache eine zweite poetische Heimat gefunden hat. 

Heinz G. Hahs: Ines Hagemeyer, „aus dem Gefährt, das dir Träume auflädt“. Gedichte, mit 14 Tusche-Zeichnungen von PAPI. POP Verlag, Ludwigsburg, 2011.

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